Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 enthält, wie ein Laboratorium, die Erfahrung darüber, wie ein ganzes Jahrhundert durch einen Zivilisationsbruch entgleist. Wer sagt uns, dass das 21. Jh. nicht ebenfalls entgleisen kann? Eventuell aus anderen Gründen als 1914?
Der erste Teil der Schleife „Der Erste Weltkrieg“ wurde von Filmemacher Heinz Bütler unter dem Thema „Kunst und Krieg“ zusammengestellt. Alexander Kluge komplettiert die Themenschleife mit zehn Filmen unter dem Motto „Wie das 20. Jahrhundert entgleiste“.
Folgende 17 Filme finden sich ab Mittwoch, dem 12.05.2010, in der Themenschleife „Der Erste Weltkrieg“ auf dctp.tv:
Teil 1: Kunst und Krieg
Der böse Blick
Franz Kafka
Kafka wurde für „militärfrei wegen Schwäche“
befunden und deshalb von der allgemeinen Mobilisierung
ausgenommen. Im August 1914 beginnt er mit der
Niederschrift des „Process“. Am 2. August 1914, nur
wenige Stunden nachdem die Katastrophengeschichte des 20.
Jahrhunderts ihren Anfang nahm, verabschiedete sich Kafka
von all dem Jubel, den Extrablättern, den Gesängen, den
Verlautbarungen, Ansprachen, Gerüchten, Hamsterkäufen,
Marschschritten, hastenden Gepäckträgern, von
Pferdegetrappel, rollenden Lafetten, sonnenbeglänzten
Uniformen, frisch gebügelten Fahnen und weinenden
Mädchen. Der Eintrag ins Tagebuch, mit dem er der Welt
den Rücken zuwandte, ist berüchtigt: „Deutschland hat
Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag
Schwimmschule.“ Das war kalt und komisch, doch es war
alles, was es zu sagen gab.
Otto Dix. Das Kriegstagebuch
Mit Veronika Mertens, Kuratorin
Dix wurde im August 1914 als Ersatz-Reservist eingezogen
und am schweren MG ausgebildet. Im September 1915 meldete
er sich freiwillig an die Front und war bis Dezember 1918
als MG-Schütze und Zugführer in der Champagne, im Artois
und in Flandern, ab 1917 an der Ostfront eingesetzt. 1916
Eisernes Kreuz II. Klasse. 1918 Beförderung zum
Vizefeldwebel nach einer Verwundung. Dix’ Grafikzyklus
(50 Radierungen) „Der Krieg“ (1924) ist eine der
drastischsten Auseinandersetzungen mit dem Thema Krieg in
der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts.
Félix
Vallotton (1865 – 1925)
„Ich bin der vollkommen Nutzlose.“
1915 erscheint Vallottons Holzschnittfolge „C’est la
guerre“, in der die Deutschen als Barbaren gegeißelt
werden. Seit 1916 gibt es für Vallotton keine
Ausstellungsmöglichkeiten mehr, und auch in Frankreich
(der in Lausanne geborene Vallotton ist seit 1900
französischer Staatsbürger) wird es immer schwieriger,
Bilder zu verkaufen. 1917 besucht Vallotton auf Einladung
der Regierung die Kriegsfront bei Verdun und verarbeitet
seine Eindrücke in einer Reihe stark stilisierter
Kriegsbilder, zu denen auch „Verdun“ gehört.
Grodek. Klage. Georg Trakl (1887 – 1914)
Mit Ueli Jäggi, Schauspieler
Am 5. August 1914 meldete sich Trakl im Zuge der
allgemeinen Mobilisierung zur „aktiven
Dienstleistung“. Er diente als Sanitätsoffizier an der
Ostfront im galizischen Grodek. Nach traumatischen
Kriegserfahrungen in einer der „Todesgruben von
Galizien“ erleidet Trakl einen Nervenzusammenbruch.
Während der Genesungszeit in einem Krakauer
Garnisonsspital schreibt er zwei seiner berühmtesten
Gedichte: „Grodek“ und „Klage“. Am 3. November
1914 stirbt Trakl nach einem Suizidversuch an
Herstillstand nach Einnahme einer Überdosis Kokain.
Erik Satie und der Luftangriff
Mit Ueli Jäggi, Schauspieler
Blaise Cendrars meldete sich bei Kriegsbeginn 1914 aus
Abenteuerlust freiwillig zur französischen Armee
gemeldet. Am 28. September 1915 riss ihm eine Granate den
rechten Arm ab. 1916 wird Cendrars Bürger seiner
Wahlheimat Frankreich. Zurück in Paris, trifft er in
Montparnasse die Stammgäste der Brasserie La Rotonde
wieder, darunter die Maler Pascin, Soutine, Picabia,
Kisling, Léger, und Modigliani, wenn er auf Urlaub ist,
Franz Marc: „Europa reinigen.“
Mit Eberhard W. Kornfeld, Sammler, Kunsthändler
Marc meldete sich 1914 sofort als Kriegsfreiwilliger. Er
ist von der Notwendigkeit des Kriegs als kathartisches
Ereignis überzeugt. Dann schleichen sich zunehmend
Skepsis und Verzweiflung in seine anfängliche
Kriegsbegeisterung ein. In seinem letzten „Brief aus
dem Felde“ vom 4. März 1914 schreibt Marc an seine Frau
Maria, er werde zurückkommen in „mein unversehrtes
liebes Heim, zu Dir und zu meiner Arbeit“. - Am gleichen
Tag wird Franz Marc auf einem Erkundungsritt in der Nähe
von Verdun von einem verirrten Granatsplitter tödlich
getroffen.
André Masson
Erotische Massaker/Automatisches Schreiben
André Massons erotische Massaker und automatischen
Zeichnungen zeigen, wie sehr sich der Krieg in unseren
Köpfen abspielt und unsere Gehirnwindungen wie
Schützengräben die Wahrnehmung ordnen. Ist die
Wahrnehmung nicht überhaupt eine paranoisch-kritische
„Wahn-nehmung“ im Sinn von Dali?
Teil 2: Wie das 20. Jahrhundert entgleiste
Der Sohn meiner Großmutter mütterlicherseits.
Den Bruder meiner Mutter, Herbert Hausdorf, habe ich nie
gesehen. Er soll das Auge meiner Mutter gehabt haben. Ein
Film von Alexander Kluge.
Nicht einmal für Verzweiflung ist Platz. Aus der Praxis
der Stabsarbeit.
Mit Markus Pöhlmann.
Beschrieben wird die Praxis im Alltag der höheren Stäbe.
Sie besteht aus Wartezeit, Telefonarbeit und Stunden
extremer Hektik. In den Momenten, in denen
außerordentliche Entscheidungen getroffen werden, ist
für keine Gemütsbewegung, auch nicht für Verzweiflung,
Raum. Die Vorstellung, dass die Beteiligten den zeitlichen
Ablauf von vier Jahren Kriegszeit als eine Zeitlänge
wahrgenommen haben, ist unzutreffend. Diese Zeit ist in
Wochen, Tage und Stunden zerteilt, in denen die
Beteiligten sich von Wendepunkt zu Wendepunkt, von
Überraschung zu Überraschung bewegten.
Gas! „Wie eine Vielzahl leiser Pfiffe“.
Zu den Schocks gehört der Gaskrieg. Dass menschlichen
Lebewesen wie Ratten der Atem genommen und die Haut
verätzt wird, gehört zu den sinnlich nicht fassbaren
Ereignissen.
Das Lied vom Grabenkrieg.
Mit Kraudn’Sepp.
Der populäre bayrische Dichter und Volkssänger
Kraudn’Sepp drückt den Galgenhumor der Soldaten aus.
Das Grabenlied spricht vom „Geländehut“ (Stahlhelm)
und sieht das enge Zusammengesperrtsein und die üppige
Zuteilung von Aspirin als Vorteil. Es gibt keine größere
Differenz als die zwischen dem Ausdruck des Volkswitzes
und der vergeblich um Witz bemühten Propagandaarbeit der
amtlichen Dienststellen.
Die deutsche Panzerfestung bei Mutzig im Elsass (1893 –
1918).
Die riesenhafte Verteidigungsanlage konnte pro Minute 6,5
Tonnen Granaten verschießen. Sie hatte eine Besatzung von
8000 Mann und war im Versorgungssystem autonom. Die
Bauweise wurde später in der französischen Maginot-Linie
fortgesetzt.
Kriege, für deren Ausbruch kein Grund bestand.
Lassen sich Kriege, für deren Ausbruch kein Grund
bestand, besonders schwer beenden? Mit Jörg Friedrich,
dem Autor des Buches „Das Gesetz des Krieges“.
Der Historiker Jörg Friedrich spricht von einem
30-jährigen Krieg (genau genommen sind es 31 Jahre), der
mit dem 1.August 1914 beginnt und erst im Mai 1945 endet.
Keine der beteiligten Nationen hatte objektiv ein
Interesse, so Jörg Friedrich, an einem globalen Krieg
oder einem Krieg im Westen. Die einzigen nicht auf
Einbildung oder vorgefassten Plänen beruhenden Konflikte
lagen im Südosten, auf dem Balkan. Für einen Krieg im
Westen, sagt Jörg Friedrich, gab es keinen Grund, für
einen Krieg im Osten, gab es keinen Plan.
Schussfahrt auf Befehl.
Größte französische Eisenbahnkatastrophe im Dezember
1917. Symbolisches Unglück: Nach der Schlacht am Isonzo
in Italien fahren französische Soldaten vor Weihnachten
in drei Urlaubszügen in den Alpen zur Passhöhe der
Grenzstation St. Cenis hinauf. Dort werden die Waggons
aneinander gekoppelt und von nur einer Lokomotive
talwärts gefahren. Die Bremskraft der Lokomotive reicht
nicht aus. Das Schwergewicht der Waggons lässt den Zug
ins Chaos rasen.
Der Krieg ist eine Alchimistenküche von Neuerungen.
Guderian in der Marne-Schlacht. Mit Friedrich Kittler. Es
geht um den Protagonisten des Blitzkriegs, den General
Heinz Guderian, der in der Marne-Schlacht 1914 eine
Funkerabteilung führte; um den Philosophen Heidegger, im
Weltkrieg Angehöriger einer militärischen Wetterwarte,
und den Sturmbataillons- und Freicorps-Führer Felix
Steiner, der 1945 Berlin retten sollte.
Die letzten Tage der Menschheit
Tragödie in 5 Akten von Karl Kraus. 5. Akt, Szene 55 und
Epilog (Ausschnitt).
Mit Sir Henry, Anne Ratte-Polle, Max Hopp, Sophie Kluge,
Jan Czajkowski. Die Schlussszenen der Tragödie bilden
eine unmittelbare Antwort auf die Entgleisung des
Jahrhunderts.
Zigarren-Willi
Der Sprengmeister von Vauquois. Mit Helge Schneider. Vor
Verdun liegen die Hügel von Vauquois. Im Ersten Weltkrieg
tobte hier die Schlacht um Verdun. Erstklassige Pioniere
und Bergarbeiter (in Uniform) der deutschen Seite bohrten
Tunnel in die Hügel. Das Gleiche taten hochqualifizierte
Fachkräfte auf französischer Seite. Jeder der Tunnel
versuchte unter den des Feindes zu gelangen und diesen in
die Luft zu sprengen. Der Schnellere überlebte für kurze
Zeit. Äußerlich sah es wie Kooperation aus.
Zigarren-Willi (Helge Schneider) ist bekannt für sein
Rauchwerkzeug, das er aber nicht raucht, sondern als Lunte
für die gezielte Sprengung benutzt.
Direktlink zur Themenschleife: http://www.dctp.tv/der-erste-weltkrieg/



