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Der Erste Weltkrieg

Wie das 20. Jahrhundert entgleiste

11.05.2010

Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 enthält, wie ein Laboratorium, die Erfahrung darüber, wie ein ganzes Jahrhundert durch einen Zivilisationsbruch entgleist. Wer sagt uns, dass das 21. Jh. nicht ebenfalls entgleisen kann? Eventuell aus anderen Gründen als 1914?

Der erste Teil der Schleife „Der Erste Weltkrieg“ wurde von Filmemacher Heinz Bütler unter dem Thema „Kunst und Krieg“ zusammengestellt. Alexander Kluge komplettiert die Themenschleife mit zehn Filmen unter dem Motto „Wie das 20. Jahrhundert entgleiste“.

Folgende 17 Filme finden sich ab Mittwoch, dem 12.05.2010, in der Themenschleife „Der Erste Weltkrieg“ auf dctp.tv:


Teil 1: Kunst und Krieg

Der böse Blick
Franz Kafka
Kafka wurde für „militärfrei wegen Schwäche“ befunden und deshalb von der allgemeinen Mobilisierung ausgenommen. Im August 1914 beginnt er mit der Niederschrift des „Process“. Am 2. August 1914, nur wenige Stunden nachdem die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, verabschiedete sich Kafka von all dem Jubel, den Extrablättern, den Gesängen, den Verlautbarungen, Ansprachen, Gerüchten, Hamsterkäufen, Marschschritten, hastenden Gepäckträgern, von Pferdegetrappel, rollenden Lafetten, sonnenbeglänzten Uniformen, frisch gebügelten Fahnen und weinenden Mädchen. Der Eintrag ins Tagebuch, mit dem er der Welt den Rücken zuwandte, ist berüchtigt: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“ Das war kalt und komisch, doch es war alles, was es zu sagen gab.


Otto Dix. Das Kriegstagebuch
Mit Veronika Mertens, Kuratorin
Dix wurde im August 1914 als Ersatz-Reservist eingezogen und am schweren MG ausgebildet. Im September 1915 meldete er sich freiwillig an die Front und war bis Dezember 1918 als MG-Schütze und Zugführer in der Champagne, im Artois und in Flandern, ab 1917 an der Ostfront eingesetzt. 1916 Eisernes Kreuz II. Klasse. 1918 Beförderung zum Vizefeldwebel nach einer Verwundung. Dix’ Grafikzyklus (50 Radierungen) „Der Krieg“ (1924) ist eine der drastischsten Auseinandersetzungen mit dem Thema Krieg in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts.

Félix Vallotton (1865 – 1925)
„Ich bin der vollkommen Nutzlose.“
1915 erscheint Vallottons Holzschnittfolge „C’est la guerre“, in der die Deutschen als Barbaren gegeißelt werden. Seit 1916 gibt es für Vallotton keine Ausstellungsmöglichkeiten mehr, und auch in Frankreich (der in Lausanne geborene Vallotton ist seit 1900 französischer Staatsbürger) wird es immer schwieriger, Bilder zu verkaufen. 1917 besucht Vallotton auf Einladung der Regierung die Kriegsfront bei Verdun und verarbeitet seine Eindrücke in einer Reihe stark stilisierter Kriegsbilder, zu denen auch „Verdun“ gehört.


Grodek. Klage. Georg Trakl (1887 – 1914)
Mit Ueli Jäggi, Schauspieler
Am 5. August 1914 meldete sich Trakl im Zuge der allgemeinen Mobilisierung zur „aktiven Dienstleistung“. Er diente als Sanitätsoffizier an der Ostfront im galizischen Grodek. Nach traumatischen Kriegserfahrungen in einer der „Todesgruben von Galizien“ erleidet Trakl einen Nervenzusammenbruch. Während der Genesungszeit in einem Krakauer Garnisonsspital schreibt er zwei seiner berühmtesten Gedichte: „Grodek“ und „Klage“. Am 3. November 1914 stirbt Trakl nach einem Suizidversuch an Herstillstand nach Einnahme einer Überdosis Kokain.


Erik Satie und der Luftangriff
Mit Ueli Jäggi, Schauspieler
Blaise Cendrars meldete sich bei Kriegsbeginn 1914 aus Abenteuerlust freiwillig zur französischen Armee gemeldet. Am 28. September 1915 riss ihm eine Granate den rechten Arm ab. 1916 wird Cendrars Bürger seiner Wahlheimat Frankreich. Zurück in Paris, trifft er in Montparnasse die Stammgäste der Brasserie La Rotonde wieder, darunter die Maler Pascin, Soutine, Picabia, Kisling, Léger, und Modigliani, wenn er auf Urlaub ist,

Franz Marc: „Europa reinigen.“
Mit Eberhard W. Kornfeld, Sammler, Kunsthändler
Marc meldete sich 1914 sofort als Kriegsfreiwilliger. Er ist von der Notwendigkeit des Kriegs als kathartisches Ereignis überzeugt. Dann schleichen sich zunehmend Skepsis und Verzweiflung in seine anfängliche Kriegsbegeisterung ein. In seinem letzten „Brief aus dem Felde“ vom 4. März 1914 schreibt Marc an seine Frau Maria, er werde zurückkommen in „mein unversehrtes liebes Heim, zu Dir und zu meiner Arbeit“. - Am gleichen Tag wird Franz Marc auf einem Erkundungsritt in der Nähe von Verdun von einem verirrten Granatsplitter tödlich getroffen.


André Masson
Erotische Massaker/Automatisches Schreiben
André Massons erotische Massaker und automatischen Zeichnungen zeigen, wie sehr sich der Krieg in unseren Köpfen abspielt und unsere Gehirnwindungen wie Schützengräben die Wahrnehmung ordnen. Ist die Wahrnehmung nicht überhaupt eine paranoisch-kritische „Wahn-nehmung“ im Sinn von Dali?

Teil 2: Wie das 20. Jahrhundert entgleiste


Der Sohn meiner Großmutter mütterlicherseits.
Den Bruder meiner Mutter, Herbert Hausdorf, habe ich nie gesehen. Er soll das Auge meiner Mutter gehabt haben. Ein Film von Alexander Kluge.


Nicht einmal für Verzweiflung ist Platz. Aus der Praxis der Stabsarbeit.
Mit Markus Pöhlmann.
Beschrieben wird die Praxis im Alltag der höheren Stäbe. Sie besteht aus Wartezeit, Telefonarbeit und Stunden extremer Hektik. In den Momenten, in denen außerordentliche Entscheidungen getroffen werden, ist für keine Gemütsbewegung, auch nicht für Verzweiflung, Raum. Die Vorstellung, dass die Beteiligten den zeitlichen Ablauf von vier Jahren Kriegszeit als eine Zeitlänge wahrgenommen haben, ist unzutreffend. Diese Zeit ist in Wochen, Tage und Stunden zerteilt, in denen die Beteiligten sich von Wendepunkt zu Wendepunkt, von Überraschung zu Überraschung bewegten.


Gas! „Wie eine Vielzahl leiser Pfiffe“.
Zu den Schocks gehört der Gaskrieg. Dass menschlichen Lebewesen wie Ratten der Atem genommen und die Haut verätzt wird, gehört zu den sinnlich nicht fassbaren Ereignissen.


Das Lied vom Grabenkrieg.
Mit Kraudn’Sepp.
Der populäre bayrische Dichter und Volkssänger Kraudn’Sepp drückt den Galgenhumor der Soldaten aus. Das Grabenlied spricht vom „Geländehut“ (Stahlhelm) und sieht das enge Zusammengesperrtsein und die üppige Zuteilung von Aspirin als Vorteil. Es gibt keine größere Differenz als die zwischen dem Ausdruck des Volkswitzes und der vergeblich um Witz bemühten Propagandaarbeit der amtlichen Dienststellen.


Die deutsche Panzerfestung bei Mutzig im Elsass (1893 – 1918).
Die riesenhafte Verteidigungsanlage konnte pro Minute 6,5 Tonnen Granaten verschießen. Sie hatte eine Besatzung von 8000 Mann und war im Versorgungssystem autonom. Die Bauweise wurde später in der französischen Maginot-Linie fortgesetzt.


Kriege, für deren Ausbruch kein Grund bestand.
Lassen sich Kriege, für deren Ausbruch kein Grund bestand, besonders schwer beenden? Mit Jörg Friedrich, dem Autor des Buches „Das Gesetz des Krieges“.
Der Historiker Jörg Friedrich spricht von einem 30-jährigen Krieg (genau genommen sind es 31 Jahre), der mit dem 1.August 1914 beginnt und erst im Mai 1945 endet. Keine der beteiligten Nationen hatte objektiv ein Interesse, so Jörg Friedrich, an einem globalen Krieg oder einem Krieg im Westen. Die einzigen nicht auf Einbildung oder vorgefassten Plänen beruhenden Konflikte lagen im Südosten, auf dem Balkan. Für einen Krieg im Westen, sagt Jörg Friedrich, gab es keinen Grund, für einen Krieg im Osten, gab es keinen Plan.


Schussfahrt auf Befehl.
Größte französische Eisenbahnkatastrophe im Dezember 1917. Symbolisches Unglück: Nach der Schlacht am Isonzo in Italien fahren französische Soldaten vor Weihnachten in drei Urlaubszügen in den Alpen zur Passhöhe der Grenzstation St. Cenis hinauf. Dort werden die Waggons aneinander gekoppelt und von nur einer Lokomotive talwärts gefahren. Die Bremskraft der Lokomotive reicht nicht aus. Das Schwergewicht der Waggons lässt den Zug ins Chaos rasen.


Der Krieg ist eine Alchimistenküche von Neuerungen.
Guderian in der Marne-Schlacht. Mit Friedrich Kittler. Es geht um den Protagonisten des Blitzkriegs, den General Heinz Guderian, der in der Marne-Schlacht 1914 eine Funkerabteilung führte; um den Philosophen Heidegger, im Weltkrieg Angehöriger einer militärischen Wetterwarte, und den Sturmbataillons- und Freicorps-Führer Felix Steiner, der 1945 Berlin retten sollte.


Die letzten Tage der Menschheit
Tragödie in 5 Akten von Karl Kraus. 5. Akt, Szene 55 und Epilog (Ausschnitt).
Mit Sir Henry, Anne Ratte-Polle, Max Hopp, Sophie Kluge, Jan Czajkowski. Die Schlussszenen der Tragödie bilden eine unmittelbare Antwort auf die Entgleisung des Jahrhunderts.


Zigarren-Willi
Der Sprengmeister von Vauquois. Mit Helge Schneider. Vor Verdun liegen die Hügel von Vauquois. Im Ersten Weltkrieg tobte hier die Schlacht um Verdun. Erstklassige Pioniere und Bergarbeiter (in Uniform) der deutschen Seite bohrten Tunnel in die Hügel. Das Gleiche taten hochqualifizierte Fachkräfte auf französischer Seite. Jeder der Tunnel versuchte unter den des Feindes zu gelangen und diesen in die Luft zu sprengen. Der Schnellere überlebte für kurze Zeit. Äußerlich sah es wie Kooperation aus.
Zigarren-Willi (Helge Schneider) ist bekannt für sein Rauchwerkzeug, das er aber nicht raucht, sondern als Lunte für die gezielte Sprengung benutzt.

Direktlink zur Themenschleife: http://www.dctp.tv/der-erste-weltkrieg/



Tags: alexander, dctp, geshcichte, kluge, krieg, nzz
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