Die Zivilisation einer Gesellschaft zeigt sich in ihrem „Maß der Gerechtigkeit“. Jurisprudenz ist in dieser Hinsicht keine bloße Fachwissenschaft. Seit den römischen Kaisern, deren Autorität darauf beruhte, dass sie Recht sprachen, bis zu den Märchen der Brüder Grimm bildet das Recht ein Netz, das darüber entscheidet, ob in einem Volk Selbstvertrauen herrscht oder nicht.
Zwei ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht, Paul Kirchhoff und Dieter Grimm, der ehemalige Vizepräsident des Bundestages Burkhard Hirsch, der Hochschullehrer Stefan Grundmann, der Völkerrechtler Christian Tomuschat und die Autoren Heiner Müller und Karl Heinz Bohrer über: Vorfahrtsregeln der Macht und Maß im Recht.
Folgende Filme finden sich ab Dienstag, dem 25. Mai 2010,
in der Themenschleife „Vorfahrtsregeln der Macht“ auf
www.dctp.tv :
Mein guter Wille muss vertrauen
können! Prof. Dr. Paul Kirchhoff über den Fall des
Müller Arnold und das MASS DER GERECHTIGKEIT.
Gerade in Zeiten des Umbruchs steht die Rechtskultur eines
Landes auf dem Prüfstand. Entscheidend für die Qualität
einer Rechtsordnung, sagt Prof. Dr. Paul Kirchhof, 12
Jahre lang Richter am Bundesverfassungsgericht und
Rechtslehrer an der Universität Heidelberg, ist das
„Maß der Gerechtigkeit“. Dies ist auch der Titel
seines neuen Buches, in dem er von konkreten Beispielen
für solche Maßverhältnisse ausgeht: Von dem Fall des
Müller Arnold im Preußen von Friedrich dem Großen, der
Geschichte von Gyges und seinem Ring in der Antike, der
Geschichte vom gestohlenen Geldbeutel (von Johann Peter
Hebel) und dem Richterspruch im Fall der 12 Kamele. Prof.
Dr. Paul Kirchhofs Buch enthält einen leidenschaftlichen
Aufruf gegen Kleingläubigkeit und Resignation in der
Bundesrepublik. Es ist unverkennbar: Wir brauchen eine
entschlossene und große Reform unseres Gemeinwesens. Sie
muss sich daran orientieren, dass es vor allem um die
Produktion von Vertrauen geht. Prof. Dr. Paul Kirchhof
über Gerechtigkeit als Vertrauenssache.
Von der
Poesie im Recht. Mit Prof. Dr. Grundmann.
Recht und Dichtkunst liegen für das heutige Verständnis
weit auseinander. Bei Jakob Grimm, gemeinsam mit seinem
Bruder Wilhelm bekannt als Sammler von Märchen, aber auch
als Autorität für die deutsche Sprache, und noch bei dem
großen Juristen und Universitätsgründer Friedrich Carl
von Savigny geht es um die gemeinsame Wurzel: ein Volk
täuscht sich nicht über das Poetische und auch nicht
über sein Rechtsempfinden. Für die moderne
Juristenausbildung macht es einen großen Unterschied, ob
an solche gemeinsamen Wurzeln angeknüpft oder ob bloß
Fachjuristen und Gesetzesausleger herangebildet werden.
Prof. Dr. jur. Dr. phil. Stefan Grundmann, Institut für
Banken- und Marktrecht der Humboldt-Universität Berlin
und Mitbegründer eines Projekts für Advanced Studies in
der europäischen Juristenausbildung, setzt die Gedanken
von Jakob Grimm und Savigny in Zusammenhang mit der
Betrachtungsweise von Adam Smith und Max Weber, den
großen Ökonomen, die ebenfalls das Recht noch im
Gesamtzusammenhang einer umfassenden Gesellschaftstheorie
sehen.
Wie frei ist die Kunst? Prof. Grimm, Richter
am Bundesverfassungsgericht a.D., über Artikel 5 des
Grundgesetzes.
Die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ in der
Inszenierung von Hans Neuenfels an der deutschen Oper
Berlin wegen eines Sicherheitsrisikos wurde in den in- und
ausländischen Medien stark diskutiert. Inzwischen ist
beschlossen, die Oper doch aufzuführen. Was sind die
Normen, wenn Sicherheitsinteresse und Kunstfreiheit
miteinander in Konflikt geraten? Der Richter am
Bundesverfassungsgericht a. D. Prof. Dr. jur. Grimm,
Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin, über die
Tragweite der Öffentlichkeitsgarantie in Artikel 5 des
Grundgesetztes und die Kunstfreiheit. Begegnung mit Prof.
Dr. Dieter Grimm.
Vorfahrtsregeln der Macht. Prof. Dr. Christian Tomuschat
über aktuelle Fragen des Völkerrechts.
Völkerrecht gibt es als moderne Wissenschaft seit 1648.
Auf Grund der bitteren Erfahrungen des 30jährigen
Krieges, einer Auseinandersetzung in Mitteleuropa, die zu
keinem Ende finden wollte, wurden von den besten Juristen
des öffentlichen Rechts, darunter Hugo Grotius aus
Holland, für die Gewaltanwendung zwischen
Territorialstaaten Regeln geschaffen. Obwohl blutige
Kriege sich in der Folgezeit steigerten, gab es doch immer
Regeln, wie die Völker zum Frieden zurückfinden.
Dieses empfindliche Rechtsgebiet handelt von den
VORFAHRTSREGELN DER MACHT. Es steht im 21. Jahrhundert vor
neuen Herausforderungen. Dazu gehört die NATO-Präsenz im
Schwarzen Meer, die Zukunft der russischen
Schwarzmeerflotte in Sewastopol (die Krim gehört zur
Ukraine, die in die NATO strebt), der Georgien-Konflikt
und andere elementare Krisenherde der Welt wie zum
Beispiel die Spannung zwischen den Atommächten Pakistan
und Indien. Prof. Dr. Tomuschat, Humboldt-Universität,
gehört zu den wegen ihrer Kompetenz gesuchten Fachleuten
des Völkerrechts. Aus vielen Gremien und Tagungen kennt
er die Theorie und Praxis dieses faszinierenden
Rechtsgebietes.
Heiner Müller über Rechtsfragen.
Dass Heinrich von Kleist Jurist war, merkt man an vielen
seiner Erzählungen, die um dramatische Rechtsfragen
kreisen. Auch Shakespeare und Homer befassen sich mit
Rechtsfragen. Heiner Müller, der Träger des
Kleist-Preises von 1990, ist der Meinung, dass seine
Dramen im Wesentlichen Rechtsfragen enthalten. Er
analysiert an Beispielen von Kleist, Shakespeare und an
eigenen Stücken. Jedenfalls ist sein "Kampf ums Recht"
sein inneres Motiv. Ein Gespräch mit Heiner Müller.
Der Zweck heiligt keine Mittel. Mit Prof. Dr. Burkhard
Hirsch.
Dr. Burkhard Hirsch (FDP) gehört der Kommission des
Bundestages an, die die Nachrichtendienste kontrolliert.
Er hat seinen Sitz im Präsidium des Deutschen
Bundestages. Als innenpolitischer Sprecher der
FDP-Bundestagsfraktion trat er zurück, als eine
Mitgliederbefragung der FDP eine Mehrheit für den Großen
Lauschangriff erbrachte.
Was ist der Unterschied zwischen dem "Großen
Lauschangriff" und der "Wanze"? Mit der Einführung der
Horch- und Guckwanze, sagt Dr. Burkhard Hirsch, hat der
Staat eine Grenze überschritten, die ein Rechtsstaat
nicht überschreiten darf. Der Zweck heiligt nämlich
keine Mittel. Ohne sichere Verankerung im Recht
unterscheidet sich der Staat nicht von einer Räuberbande,
heißt es beim Kirchenvater Augustinus. Deshalb lohnt sich
der "Kampf ums Recht" immer. Das ist die Haltung von Dr.
Burkhard Hirsch.
Die Guillotine. Mit Prof. Karl
Heinz Bohrer.
Ein Beitrag zur Serie: 200 Jahre Französische Revolution.
Hier geht es um die Guillotine. Die Französische
Revolution wollte mehr Menschlichkeit auch für jene, die
zum Tod verurteilt waren. Der Apotheker Guillotin erfand
eine Schneidemaschine zum Abschneiden von Köpfen, die
berühmte Guillotine. Dass jemand, der langsam geboren und
langsam aufgewachsen ist, so schnell zu Tode kommt, ist
ein Schock.
Karl-Heinz Bohrer, berühmter Essayist und Herausgeber der
Monatszeitschrift Merkur, Zeitschrift für Europäisches
Denken, berichtet in der Sendung "10 to 11" über den
Schrecken, den diese Maschine verursachte. "Die Kategorie
der Plötzlichkeit und das Bild des Schreckens."
Tücken der Kausalität. Die Twin Towers als
Versicherungsproblem.
Ging es am 11.09.01 um einen, zwei oder drei
Schadenfälle? Lag die Kausalität das Unglück bei jedem
Flugzeug für sich oder bei beiden gemeinsam? Das muss
zwischen den Eigentümern und den Versicherungen nach New
Yorker Recht geklärt werden. Man braucht den doppelten
Schadenersatz, wenn man die Twin Towers wieder aufbauen
will. Rechtsanwalt Scotti kämpft um einen Kompromiss.
Peter Berling als Rechtsanwalt Scotti. Die Twin Towers als
Versicherungsproblem.
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