Berlin - Beim 4. Kongress des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache (www.vrds.de) zum Thema "Die Kraft des Schweigens" kritisierte der Chefredakteur der BILD-Zeitung, Kai Diekmann, die mangelnde öffentliche Debatte in Deutschland. Wo vor zwanzig Jahren noch Hunderttausende gegen politische Entscheidungen auf die Straße gingen, finde die Debatte fast nur noch in Talkshows statt, und dort fast immer mit denselben Talkgästen. "Die eigene Meinung zu äußern ist nicht nur ein Recht, sondern vor allem Pflicht der Menschen."
Vielfach fehle das Bewusstsein für kluges und gutes Reden und die Bereitschaft sich dem öffentlichen Diskurs zu stellen. Mit Blick auf die Kultusministerkonferenz, "das ehrenwerteste aller sinnlosen Gremien", kritisierte Diekmann, dass in Schulen und Hochschulen zu wenig Wissen über historisch bedeutende Reden vermittelt werde. Vielen Menschen sei nicht bewusst, welche Bedeutung in der Politik die Rede und das Argumentieren habe. Aktuelle Politikerreden lieferten zu oft "kein Festmahl, sondern Knäckebrot". Vielen Politikern fehle der Mut zum Witz und zu Neuem. "Parteiübergreifend herrscht der Hang zu Langeweile und zu wenig Mitgefühl", so Diekmann.
Auch der Publizist Henryk M. Broder kritisierte in seinem Vortrag die Langeweile in der politischen Diskussion. "Wo Gegensätze ausgesprochen werden, da ist Politik noch erlebbar." Viele Redner meiden heute den Diskurs, die Gleichschaltung in der Politik führe hingegen zu Unlust und Politikverdrossenheit. Auch die Medienberichterstattung beschränke sich allzu oft auf negative Nachrichten, die in ihrer unreflektierten Gesamtdarstellung an der Realität vorbei geht. "Gerade in Deutschland gibt es eine apokalyptische Sehnsucht nach Negativem, die von den Medien bedingt wird", so Broder.
Nach Meinung des Jesuitenpaters und Rektors des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, greift die Kritik an Medien und Politikern zu kurz. "Das Klagen über die Geschwätzigkeit steht in der Gefahr, selbst ein Teil dieses Geschwätzigkeits-Diskurses zu sein", so Mertes in seinem Vortrag. Mit Blick auf die Arbeit von Redenschreibern äußerte er sich kritisch zu Manuskripten, die nicht die Überzeugung des Redners widerspiegeln. "Eine Überzeugung, die ich nicht habe, so gut darstellen, dass sie überzeugt, das ist Verführung der Massen", so Mertes. Auch die Kirche dürfe sich bei ihrer Kommunikationsarbeit nicht danach richten, ob sie in der Öffentlichkeit ein positives Image gewinnen kann, sondern sie müsse ihre Überzeugung haben und vermitteln.
Seine Kongresse veranstaltet der VRdS alle drei Jahre, zuletzt 2005 zum Thema "Sprache und Menschenbild". Der Verband war 1998 als Zusammenschluss von Redenschreibern und Autoren gegründet worden. Heute zählt er rund 460 Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz.



