Die Fachzeitschrift absatzwirtschaft und das
Onlinemagazin NeueNachricht versuchten einer alten
Herausforderung des Marketings auf die Spur zu kommen: Die
Entdeckung der Einfachheit. Das heikelste Stück Technik
ist immer noch das User-Interface, die
Benutzerschnittstelle. Dort, wo der Anwender das Gerät
berührt, wo er Informationen abliest und eingibt,
entscheidet sich, ob die Maschine das tut, was sie soll.
Nicht, ob die Technik es kann, ist die Frage - sondern ob
der Benutzer herausfindet, wie es geht: „Ich bin
regelmäßig genervt, wenn ein Produkt mir suggeriert,
dass ich zu dumm bin, es anzuwenden", kritisierte
Diplom-Ingenieurin Anett Dylla von der Beratungsfirma
Mensch-Maschine-Technik beim Düsseldorfer
Expertengespräch von absatzwirtschaft und NeueNachricht
mit Medienprofessor Norbert Bolz, Dieter Conzelmann,
Director Industry Solutions Market bei Bizerba und Lupo
Pape Geschäftsführer von SemanticEdge. Dabei gibt es
Produkte, deren User-Interface durch vorbildliche
Einfachheit überzeugen wie Bügeleisen, Kaffeemaschinen
oder Haartrockner. Es gibt aber auch Geräte, die ihre
Benutzer regelmäßig zu Schreikrämpfen,
Verzweiflungsanfällen und ohnmächtiger Ergebenheit
treiben. Berüchtigt sind Mobiltelefone, natürlich
Computer und weltbekannte Betriebssysteme. Viele
Hersteller haben nach Meinung Dyllas bis heute nicht
begriffen, wie wichtig die Bedienerfreundlichkeit ihrer
Produkte für das Markenimage und die Kundenzufriedenheit
ist.
„Es fehlt eine Rhetorik der Technik. Der berechtigte
Stolz deutscher Ingenieure war immer damit verbunden, zu
schweigen. In der kulturellen Diskussion spielen sie
keinerlei Rolle“, sagte Medienphilosoph und
Designtheoretiker Norbert Bolz. Ähnliches könne man bei
Medizinern feststellen: „Sie kommunizieren gegenüber
Laien völlig unverständlich. Hier liegt das Problem. Die
Unterscheidung zwischen Experte und Laie. Wir alle
wechseln ständig unsere Rollen. Wir alle sind in
irgendeinem Arbeitsbereich Experten und in diesem Bereich
brauchen wir keine Benutzerfreundlichkeit. Es wäre
lächerlich, jemandem, der einen Computer programmieren
kann, irgendwelche Bildchen anzubieten. Der macht das mit
seinem kurzen Programmbefehlen eleganter, schneller,
effektiver und wahrscheinlich auch lustvoller. Während
wir aber gleichzeitig in fast allen anderen
Lebenssituationen Laien sind, also jeder Mensch ist fast
immer ein Laie, nur in seinem eigenen Berufsfeld eben
nicht und deshalb denke ich, müsste etwas erreichbar sein
in der Gestaltung der Schnittstelle oder bei der Rhetorik
der Technik“, forderte Bolz.
Man müsse deshalb den gleichen Gegenstand mit einer
unterschiedlichen logischen Tiefe behandeln. Bolz
plädiert für ein Schnittstellendesign, das nicht allein
ordentlich und übersichtlich ist, sondern beim Benutzer
obendrein positive Gefühle weckt. Lange Zeit war dieser
Trend auf die Konsumgüterindustrie beschränkt. Doch
inzwischen habe die Entwicklung auch Investitionsgüter
erfasst, ergänzte Bizerba-Manager Conzelmann:
„Lösungen aus dem Privatkundenmarkt wie das iPhone oder
der iPod von Apple haben Auswirkungen auf die
Investitionsgüterindustrie, weil die Bediener, die heute
einen iPod nutzen, automatisch davon ausgehen, ähnliche
Bedienelemente auf der Maschine zu finden. Dadurch
entsteht momentan die Sogwirkung aus den Konsumgütern
rüber in die Investitionsgüter." Vor etwa zwei Jahren
hat Bizerba eine äußerst effektive Regel aufgestellt:
Ingenieure gehen bei der Erstinstallation mit zum Kunden,
damit sie dort lernen, wie der Bediener mit dem Gerät
umgeht - und welche Schwierigkeiten dabei auftreten. Das
sei sehr heilsam gewesen, sagte Conzelmann, der selbst
jahrelang in der Entwicklung tätig war. Auf diese Weise
kam man auch darauf, wie wichtig gerade in der
Lebensmittelindustrie der Einsatz von Symbolen ist. Denn
auch Aushilfskräfte und angelernte Mitarbeiter müssten
die Maschinen sicher steuern können. Wörter wurden daher
auf den Bedienoberflächen, wo es ging, durch einprägsame
Piktogramme ersetzt, etwa bei Preisauszeichnungssystemen.
„Ein gutes Beispiel ist der Grundpreis, den der Bediener
beim Betreiben der Anlage öfters wechseln muss. Da kann
man eben anstelle des Textes ‚Grundpreisänderung‘
einfach ein Symbol wie einen Geldschein oder eine Münze
abbilden, die dann darstellt, dass es hier um einen
Geldbetrag geht, ohne das Wort ‚Grundpreis‘ zu
verwenden“, erläuterte Conzelmann. Für die beratende
Ingenieurin Anett Dylla ist das ein wichtiges Kriterium:
„Gut gemacht ist, wenn ich zum Beispiel durch ein Menü
geführt werde, in dem ich einen bestimmten Schritt
vollziehe und dann sofort angesagt wird, was ist der
nächste Schritt, oder anhand von Symbolen klar ist, was
die nächsten Schritte sind, und wie ich zielgerichtet und
stringent ans Ziel komme, ohne noch mal 25 Schleifen zu
drehen."
Die berüchtigten 25 Schleifen kennen geplagte Anrufer vor
allem von sprachgesteuerten Telefondialogsystemen.
Darüber ärgert sich ein Profi nicht weniger als der
normale Kunde in der Warteschleife. Schuld sei häufig
veraltete Technik, sagte SemanticEdge-Geschäftsführer
Lupo Pape. Er arbeitet mit seinem Unternehmen daran,
Sprachdialoge zwischen Mensch und Maschine zu
optimieren. Der Schlüssel dafür sei nicht nur eine
bessere Spracherkennung, an der es oftmals noch hapert. Es
könnte auch helfen, wichtige Informationen über den
Anrufer und dessen Situation, die an unterschiedlichen
Stellen bereits vorliegen, zu bündeln und
zusammenzuführen, damit der Kunde schneller ans Ziel
gelangt.
„Wenn das System, wo ich anrufe, mein Bedürfnis
vielleicht vorausahnt, wenn ich also bei einem
Telekommunikationsanbieter anrufe, weil ich mich mit
meinem Internet nicht einloggen kann, und das System
weiß, dass ich vorher vergeblich versucht habe, mich
einzuloggen, hat die Leitung gemessen und kann darauf
eingehen, dann habe ich eine ganz andere
Nutzererfahrung“, erklärte Pape.
Ob Sprachsteuerung oder Tastatureingabe am Bildschirm -
die elementaren Prinzipien für gutes Interface-Design
sind nach seiner Ansicht immer dieselben. Auf einen Nenner
gebracht: Anstatt darum zu kämpfen, die Maschine zu
verstehen, wollen wir uns von der Maschine verstanden
fühlen. Pape setzt darauf, dass dies demnächst im
wörtlichen Sinne gilt. Schon jetzt benutzt er seinen
persönlichen Assistenten im Mobiltelefon, dem er einfach
sagt, wen er als nächstes anrufen möchte. Mit einer
entsprechenden Geschäftskette im Hintergrund könnte
dieser maschinelle Assistent noch ganz andere Wünsche
entgegennehmen: „Ich möchte gerne meinen Kühlschrank
auffüllen mit diversen Dingen, die ich noch benennen
werde. Ich möchte gerne ein bestimmtes Musikstück
hören: Spiel mir Amy Winehouse: Tears Dry on Their
Own“, so die Vision von Pape. Bereits in fünf bis zehn
Jahren könnte diese Vision Wirklichkeit werden. Dann
hätte sich der wohl größte Traum aller Techniknutzer
erfüllt: dass die Maschine ganz einfach das tut, was der
Mensch will.
Der komplette Bericht über das Expertengespräch
erscheint im Augustheft der Zeitschrift absatzwirtschaft -
es ist die Ausgabe zum 50jährigen Jubiläum des
Fachmagazins.
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24.07.2008Tags: Alle Meldungen von
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